Restauratorischer Befundbericht zur Kreuztragungsgruppe liegt vor!

Mit der Ausstellung "Misericordia, Caritas et Sanitas - Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gesundheitswesen" im Jahre 2017 ist die Kreuztragungsgruppe mit einer weiblichen Figur, die Jesus das Kreuz tragen hilft, wieder vermehrt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gekommen. Ungewöhnlich ist dabei, dass eben nicht ein Mann. der Überlieferung nach Simon von Cyrene, sondern eine Frau abgebildet ist.

Es war noch im letzten Jahr wenig über diese Figurengruppe bekann, deren Enstehung um das Jahr 1500 vermutet wurde. Dank eines Zuschusses aus dem Landesdenkmalamt in Münster konnte eine eingehende restauratorische Untersuchung in Auftrag gegeben werden. Unsere die für Oelinghausen tätige Restauratorin, Frau Johanna Fuchs, hat diese im 1. Halbjahr 2018 durchgeführt. Ihr Befundbericht liegt nun vor und soll hier in den wesentlichen Aussagen vorgestellt werden.

Eine Frau hilft Jesus das Kreuz tragen - ungewöhnlich in der Kunstgeschichte?!

Aus der Kunstgeschichte ist die Darstellung der Kreuztragung durch Jesus bekannt. Wird ein Unterstützer mit abgebildet, handelt es sich in der Regel um Simon von Zyrene, analog zu den Bibelstellen Mt. 27,31-32, Mk. 15, 20 – 21, Lk.23,26 – 28.

Für die in Oelinghausen vorhandene Kreuztragungsgruppe mit einer weiblichen Unterstützerfigur gibt es nur wenige direkte Vergleichsbeispiele, oder sie sind nicht bekannt. In der Entstehungszeit dieser Gruppe, in der Gotik, wird die mystische Frömmigkeit in der Nachfolge von Franz von Assisi und Bernhard von Clairvaux als Kreuzfrömmigkeit bezeichnet. Bernhard Padberg nimmt daher in seinem Artikel (Die Kreuztragende Nonne von Oelinghausen zum Leitbild der Ausstellung Miserecordia, Caritas und Sanitas, S. 2.) an, dass die weibliche Figur der Kreuztragungsgruppe aus Oelinghausen, die Frömmigkeit und Wohltätigkeit der damaligen Nonnen auch als Aufforderung zur Miserecordia ausdrücken sollte.

Ob das hier dargestellte Andachtsbild aus dem 15. Jahrhundert oder ein ähnliches den unbekannten Künstler inspiriert hat, ist nicht bekannt. Das hier gezeigte T-Kreuz scheint dem damaligen "Geschmack" entsprochen zu haben.

Unter der Kategorie "Kreutragende Minne" findet man in Wikimedia weitere bildliche Darstellungen aus dem 15. Jahrhundert, allerdings keine Skulpturen.

Die dendrochronologische Untersuchung ergab Neues

Die Dendrochronologie ist, vereinfacht gesagt, die Wissenschaft vom Alter eines Baums. Dieses wird an Hand der Breite der Jahresringe im Vergleich zu bestimmten, bekannten Wachstumszeiten ermittelt (s. Wikipedia). Solch eine Untersuchung war unter anderem im Rahmen der Beauftragung vorgesehen. Durchgeführt wurde diese Untersuchung von Herrn Prof. Dr. Klein, Zentrum für Holzwirtschaft, Hamburg, mit folgenden Ergebnissen

  • Beide Skulpturen sind in einem Stück und aus einem Stamm gearbeitet worden.
  • Die gemessenen Jahresringe lassen sich einem Zeitraum von 1197 - 1378 einordnen.
  • Das früheste Fälldatum wird in das 1385 berechnet.
  • Die Bearbeitung der Skulpturen ist um 1395 / um 1400 anzunehmen.

Das Fällungsdatum ist immer auch das Bearbeitungsdatum, da besonders Eiche nur im saftfrischen Zustand bearbeitet werden konnte.

Vor dem Hintergrund der Baugeschichte der Klosterkirche, die von den Prämonstratenserinnen Mitte des 14. Jahrhunderts in gotischen Foren neu gebaut wurde, kann vermutet werden, dass die Kreuztragungsgruppe eigens für die Ausgestaltung in Auftrag gegeben wurde.

Unterschiedliche Farbauflagen

Beauftragt war auch eine Untersuchung der Farbauflagen. Dabei sollten vorhandene Fehlstellen genutzt werden und keine größeren Abtragungen erfolgen. Die Dokumentation in Wort und Bild ist sehr detailliert und aufschlussreich.

Hier ein Ausschnitt aus dem Befundbericht zur Untersuchung des Gewands Christi:

Soweit ersichtlich, handelt es sich bei dem Gewand Christi um mindestens 4 Farbfassungen. Das bestimmte Fassungschichten beschliffen, entfernt oder bereichsweise nicht erfasst wurden ist durchaus möglich.
Bei der rot-braunen Farbschicht, die sich direkt auf dem Holzträger befindet, handelt es sich um die älteste gefundene Farbschicht. Ob es sich dabei tatsächlich um die Originale Erstfassung handelt bleibt unklar. Unter dem Mikroskop erscheint diese Masse als sehr homogen, ohne Einschlüsse von erkennbaren Pigmenten etc. welches die Vermutung auf einen Farblack zulässt.
Auf der oben beschriebenen Schicht befindet sich eine graue leicht in bräunliche gehende sehr grobkörnige Farbschicht. Bei genauerer Betrachtung unter dem Mikroskop lassen sich viele blaue glassplitterartige Partikel in einem bräunlichen Material „eingebettet“ erkennen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den blauen Partikeln um Smalte (Kaliglas). „Weite Verbreitung als Pigment fand Smalte erst im 16. Jh. Bis zur Mitte des 18. Jh. kommt sie verhältnismäßig häufig vor; (…).“25 Es wäre somit denkbar, dass das rot-braune Gewand in der Renaissance - Zeit zu einem grauen Gewand überfasst wurde.

Die jetzt sichtbare Fassung stammt wohl aus dem 19. Jahrhundert bzw. um 1900, größere Ausbesserungen scheinen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts stattgefunden zu haben.

Proportionen stimmen nicht - ein handwerklicher Fehler des (unbekannten) Künstlers?

In der Gesamtsicht wirkt das Kreuz nicht ganz stimmig: der untere und obere Kreuzbalken stehen nicht in einer Flucht, der Querbalken erscheint wie abgeknickt. Drei Elemente des Kreuzes sind wohl nicht mehr original und vermutlich im 20. Jahrhundert maschinell nachgefertigt: der untere Kreuzbalken als Verbindung zwischen der Frauenfigur und Jesus, der obere nach vorne herausragende Kreuzbalken und der nach oben ragende Querbalken. Warum diese ersetzt worden sind bzw. ersetzt werden mussten ist nicht bekannt.

Der obere Kreuzbalken könnte erst weitaus später zusätzlich ergänzt worden sein - in der Gotik wurde das Kreuz häufig als T-Kreuz dargestellt. Versuche haben ergeben, dass mit Weglassen des oberen Balkenendes die Kreuztragungsgruppe harmonischer wirkt.

Für den Künstler, der die Kreuztragungsgruppe erstellt hatte, war sicherlich die Anpassung der Balkenteile in einer harmonischen Zusammensetzung eine große Herausforderung. Möglicherweise ist es dabei zu den vorgenannten Ungenauigkeiten gekommen.

Die Kreuztragungsgruppe hat im 20. Jahrhundert in der Kreuzkapelle und in einem Nebenraum der Krypta gestanden. Es ist anzunehmen, dass diese jedoch zur früherer Zeit an erhöhter Stelle gestanden haben muss. Indizien dafür sind handgeschmiedete Nägel an der Rückseite der Christusfigur und in den Plinthen (halbrunde Sockel der beiden Figuren).

Empfehlungen für restauratorische Maßnahmen

An einzelnen Stellen der Figuren ist es zur Ablösung der Farbauflagen gekommen. Aus konservatorischer Sicht sollte diese Ablösungen gefestigt und größere Fehlstellen gekittet und entsprechend der Farbgebung retuschiert werden. Zusätzlich ist eine trockene und nebelfeuchte Reinigung der Oberfläche vorgesehen.

Für die Präsentation sollte der Sockel der Christus-Statue ein wenig unterfüttert und der Verbindungsbalken des Kreuzes zwischen den beiden Skulpturen erneuert werden - alles natürlich aus Eichenholz. Zusätzlich soll der senkrechte obere Abschlussbalken des Kreuzes künftig weggelassen werden.

Wie geht es weiter?

Der Kirchenvorstand St. Petri Hüsten hat den von Frau Fuchs vorgeschlagenen Maßnahmen zur Restaurierung zugestimmt.

Die denkmalrechtliche Genehmigung und die Erlaubnis des Erzbischöflichen Generalviakriats liegen vor. Damit kann mit den Arbeiten begonnen werden. Diese werden voraussichtlich in IV./2018 beendet sein. Danach wird die Kreuztragungsgruppe wieder in der Klosterkirche aufgestellt.

Wer übernimmt die Kosten für die Restaurierung?

Die Kosten für die Restaurierung belaufen sich auf insgesamt 3.284,40 €. Erfreulicherweise hat das Erzbischöfliche Generalvikariat eine Bezuschussung in Höhe von 1.642 € (50 %) aus Kirchensteuermitteln zugesagt. Somit muss noch der Restbetrag von 1.642 € durch Spenden und Kollekten aufgebracht werden.

Sollten Sie sich an den Kosten mit einer Spende beteiligen wollen, nutzen Sie bitte folgende Bankverbindung:

  • IBAN: DE97 4666 0022 0100 5241 17
  • Empfängerin: kath. Pfarrei St. Petri Hüsten
  • Stichwort: Kreuztragungsgruppe Klosterkirche Oelinghausen

Falls Sie eine Spendenquittung wünschen, tragen Sie bitte Ihren Namen und Adresse zusätzlich im Feld Bemerkung ein.
Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

Ausblick

Zwei weitere Figuren aus der Oelinghauser Klosterkirche befinden sich noch in der Werkstatt von Frau Fuchs: die stark geschädigte Hl. Katharina und als Referenzobjekt die Hl. Lucia. Beide Figuren stammen aus der Werkstatt von Gertrud Gröninger (*um 1650 - †1722).
Für die Untersuchung der Figur der Hl. Katharina hatte das Landesdenkmalamt ebenfalls einen Zuschuss gewährt. Mit dem Befundbericht wird im Monat Juli gerechnet.

Wir werden darüber berichten.

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