Allerheiligen / Allerseelen / Halloween
Liebe Leserin, lieber Leser!
Mit dem Fest Allerheiligen beginnt in unseren Breiten der sogenannte Totenmonat November. Der Gang zu den Gräbern an Allerheiligen und die Gräbersegnung, das Fest Allerseelen und bei den evangelischen Mitchristen der Ewigkeitssonntag (früher Totensonntag genannt), sowie die sterbende Natur erinnern uns daran, dass alles irdische Leben endlich ist. Auch der eigene Tod kommt unweigerlich auf uns zu.
Zurzeit erleben wir in unserem Land eine radikale Veränderung der Beerdigungskultur. Die früher meist übliche Erdbestattung ist selten geworden. Etwa 90 % der Beisetzungen sind Urnenbestattungen. Neben den klassischen Sarg- und Urnengräbern gibt es Baum-, Stelen-, Rasen- und Seebestattungen und zunehmend anonyme Beisetzungen. Auch katholische Kirchen werden seit Jahren zu Kolumbarien umgewidmet oder solche Räume auch auf katholischen Friedhöfen neu errichtet. Die Anzahl christlicher Beerdigungen ist auch bei Getauften auf unter 50 % zurückgegangen; sogenannte Seelenämter oder Requien sind die Ausnahme geworden. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir in verschiedenen Bundesländern die Urne unserer Angehörigen mit nach Hause nehmen oder auf dem eigenen Grundstück beisetzen können.
Nun hat sich im Laufe der Geschichte der Menschheit die äußere Form der Bestattungen schon immer verändert. Entscheidend ist für mich, wie wir selbst mit Sterben und Tod und somit mit dem Leben umgehen. Der christliche Glaube sagt klar: Jeder Mensch, auch der Schwerkranke und Sterbende hat eine unveräußerliche Würde bis zuletzt, ja über den Tod hinaus. In der Arbeit unserer stationären wie ambulanten Hospize wird dies im praktischen Tun deutlich. Die Kernbotschaft des christlichen Glaubens sagt uns, nicht nur Jesus ist von Gott, dem Vater, vom Tode auferweckt zum Leben, auch wir dürfen für immer bei ihm leben zusammen mit allen, die uns im Glauben vorausgegangen sind. So ist im Matthäusevangelium das Jesuswort an seine Freunde überliefert: „Kommt ihr Gesegneten meines Vaters und nehmt das Reich in Besitz, das von Anfang an für Euch bereit ist.“ (Mt 25,34) Viele Menschen haben dieser Einladung Jesu in ihrem Leben und Sterben vertraut, und konnten so ihr irdisches Leben mit all seinen Freuden und auch Herausforderungen bestehen. Uns Menschen ist die Gestaltung der Schöpfung und somit das Leben anvertraut. Im Bild vom Garten Eden wird das in der Bibel im Buche Genesis besonders schön erzählt. Mit den uns von Gott geschenkten Talenten haben wir das Unsrige zu tun, dass wir selbst und alle Menschen als Kinder Gottes in Frieden und Würde leben können. Wenn wir an Allerheiligen, Allerseelen oder in unseren Gottesdiensten an unsere Verstorbenen denken und für sie beten, holen wir sie aus der Vergangenheit ins Heute. Ein Blick auf ihr Leben, auf ihre Lebens- und Glaubenskrisen, wie auch ihre Lebens- und Glaubensfreuden kann uns helfen, unsere eigenen Grenzen und Beschränkungen zu erkennen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, das Gute zu tun. Aber noch etwas Wichtiges schenkt uns das Gedenken an die Verstorbenen. Der hl. Augustinus hat es unvergleichlich so formuliert: „Ihr, die ihr mich geliebt habt, seht nicht auf das Leben, das ich beendet habe, sondern auf das, welches ich beginne.“ Eine Einladung, auf die Zukunft unserer lieben Verstorbenen zu schauen, einer guten Zukunft, die auch uns verheißen ist. Diese Zukunft nennen wir Himmel oder Leben mit Gott.
Seit Jahren kommen am Vorabend von Allerheiligen die Kinder der Nachbarschaft gespenstisch verkleidet an unsere Haustür und bitten um Gaben. Dieser Brauch, der vor Jahren aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, stammt ursprünglich aus dem keltisch katholischen Irland. Was er mit Allerheiligen zu tun hat, wäre einen eigenen Artikel wert. Ich wünsche den Nachbarskindern und den sie begleitenden Eltern und uns allen, dass wir die Frohe Botschaft von Allerheiligen und Allerseelen, die Botschaft vom Gott geschenkten Leben glauben und daraus leben können.
Bleiben Sie behütet!
Gisbert Wisse, Pfr. i.R.